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Aktuelles, Archiv - 25.11.2019

Erinnerung braucht Gesichter – Erinnerung braucht Geschichten

Besuch von Johann Seefelder, 90 Jahre, aus Siegenburg und des BR-Journalisten Thomas Muggenthaler an der Johann-Turmair-Realschule in Abensberg am 19.11.2019

„Was nicht sein hätte müssen und nicht sein hätte dürfen.“

                                                                        J. Seefelder, Siegenburg

 

Es war uns eine große Ehre, J. Seefelder aus Siegenburg, Jahrgang 1929, im Rahmen unseres Geschichtsprojekts zur „NS-Zwangsarbeit“ am 19.11.2019 bei uns begrüßen zu dürfen. Ebenfalls begrüßen durften wir Th. Muggenthaler vom BR, der vor ziemlich genau zwei Jahren mit seinem Film „Verbrechen Liebe“ bei uns an der Schule war und den Anstoß für die tiefergehende Auseinandersetzung mit der Thematik gegeben hat – ohne seine Arbeit und seine Unterstützung gäbe es dieses Projekt nicht. Nach einem kurzen Filmbeitrag, der unter anderem ein Gespräch des Journalisten mit Bruno Wilk beinhaltet, der den Mord an Wladyslaw Belcer mitansehen musste, erläutert Th. Muggenthaler zunächst Hintergründe und Zusammenhänge, die zu den Hinrichtungen geführt haben.

Anknüpfend daran schildert J. Seefelder seine Eindrücke:

Präzise ist seine Erinnerung an den 13.11.1942 -  just der Tag, an dem der polnische Zwangsarbeiter Wladyslaw Belcer im Langhaider Forst bei Tollbach von einem Exekutionskommando des KZ Flossenbürg aufgrund einer angeblichen Liebschaft unter der Zeugenschaft anderer Zwangsarbeiter gehängt wurde.

An dem Tag hat er die Schulbank gedrückt, fügte aber mit einem Augenzwinkern hinzu, ein „Hinterbänkler“ sei er nicht gewesen. So hat er trotz Verbot des Lehrers aus dem Fenster geschaut und wurde Zeuge, wie zwei polnische Zwangsarbeiter, W. Belcer und St. Morawsky, auf einem offenen Pritschenwagen (Opel Blitz) mit einer transportablen Galgenvorrichtung zu ihren Hinrichtungsstätten gefahren wurden. Geredet wurde darüber nicht.

Temperamentvoll und äußerst eloquent erzählte Herr Seefelder auch von seinen Erfahrungen im und mit dem Krieg: Mit gerade mal 15 Jahren wurde er noch eingezogen. Zu Fuß ging es zur „Einkleidung“ nach Sandhaarlanden. Dort bekam er eine Uniform, die ihm viel zu groß war. Außerdem wies sie ein Einschussloch auf und die Blutkrusten hingen noch an der Uniform. Dem militärischen Kampfeinsatz ist er durch Flucht aus dem (Wehrertüchtigungs-)Lager Biburg knapp entronnen. Beinahe hätte er dies aber mit dem Leben bezahlt, weil er erwischt wurde und auf Desertion die Todesstrafe stand.

Die Schülerschaft zeigte sich beeindruckt von den spannenden, authentischen Geschichten und der Begegnung mit dem 90igjährigen J. Seefelder, der uns einen kleinen Einblick in seinen reichen Wissens- und Erfahrungsschatz gewährte. Mit Hintergrundinformationen ergänzt hat dies Th. Muggenthaler. Dennoch bleibt die Frage, was uns diese Geschichten heute noch sagen bzw. wozu sie uns verpflichten. J. Seefelder meinte, wachsam bleiben, genau hinschauen und hinhören. Eine Schülerin erwiderte, dass sie es als die Aufgabe ihrer Generation ansieht, solche Geschichten nicht zu vergessen und die Erinnerung daran wach zu halten.

Für solche Begegnungen sind wir dankbar – das kann kein Schulbuch ersetzen.